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12 Min. Lesezeit

Führung: Zahlen, die den Blick weiten

30,3 Prozent der Führungspositionen in Deutschland sind von Frauen besetzt. Was das für den eigenen nächsten Schritt bedeutet - und was nicht.

Von Veronika Höller

Head of Demand Generation bei Tresorit · Autorin, Speakerin und Mentorin

Redaktionell geprüft: 2026-09-18

Eine Frau blickt nachdenklich aus einem Bürofenster, im Hintergrund eine Stadtsilhouette.

Die Situation, in der du wahrscheinlich steckst

Vielleicht überlegst du gerade, ob du dich auf eine Führungsrolle bewerben sollst, oder du bist schon drin und fragst dich, warum es sich anstrengender anfühlt, als es aussieht. Vielleicht hast du auch gerade eine Absage bekommen und suchst nach einer Erklärung, die über 'es hat einfach nicht gepasst' hinausgeht.

In all diesen Situationen ist es verlockend, die eigene Erfahrung sofort zu einer persönlichen Diagnose zu machen: zu wenig Selbstbewusstsein, zu wenig Netzwerk, zu wenig Durchsetzungsvermögen. Das kann stimmen, muss es aber nicht.

Statistiken über Frauen in Führung sind deshalb kein Umweg vom eigentlichen Thema, sondern ein Werkzeug: Sie zeigen, welcher Teil deiner Erfahrung strukturell ist und welcher Teil tatsächlich mit dir selbst zu tun hat. Diese Unterscheidung entlastet, ohne dich aus der Verantwortung für deinen nächsten Schritt zu entlassen.

Dieser Artikel nimmt beides ernst: die Zahlen als Kontext und deine konkrete nächste Entscheidung als das, worum es eigentlich geht.

Was die Zahlen zeigen - und was nicht

2025 waren in Deutschland 30,3 Prozent der Führungspositionen von Frauen besetzt - unter dem EU-Durchschnitt von 35,9 Prozent. Innerhalb der EU reicht die Spanne von 44,4 Prozent in Schweden bis 25,9 Prozent in Zypern. Das ist eine erhebliche Bandbreite für einen einzigen Wirtschaftsraum.

Der unbereinigte Gender Pay Gap lag 2023 in Deutschland bei 18 Prozent, bereinigt bei 6 Prozent; EU-weit lag er unbereinigt bei 12 Prozent. Der bereinigte Wert versucht, Unterschiede in Branche, Position und Erfahrung herauszurechnen - er verschwindet aber nicht auf null, was zeigt, dass auch bei vergleichbaren Rollen ein Rest an Unterschied bleibt, der nicht allein durch Qualifikation erklärt ist.

Was diese Zahlen nicht zeigen: warum eine einzelne Frau in einem einzelnen Unternehmen befördert wurde oder nicht. Sie sagen nichts über deine Kompetenz, deine Eignung für eine bestimmte Rolle oder darüber, ob eine bestimmte Führungskraft dich fair bewertet hat. Strukturelle Daten und individuelle Fälle bewegen sich auf unterschiedlichen Ebenen, und beide zu vermischen führt in die Irre - in beide Richtungen.

Es ist also falsch, aus den Zahlen zu schließen 'das System ist gegen mich, also lohnt sich Anstrengung nicht'. Genauso falsch ist es, jede einzelne Enttäuschung wegzuerklären mit 'das sind eben die Strukturen'. Beides kann gleichzeitig wahr sein: Es gibt strukturelle Hürden, und es gibt Dinge, die du in deiner konkreten Situation beeinflussen kannst.

  • Welcher Teil meiner Erfahrung fühlt sich strukturell an, welcher Teil persönlich?
  • Wo habe ich Zahlen genutzt, um mir eine ehrliche Reflexion zu ersparen - in die eine oder die andere Richtung?

Kriterien erfragen statt erraten

Ein großer Teil der Unsicherheit vor einem Karriereschritt entsteht, weil Entscheidungswege in Unternehmen selten transparent sind. Wer genau entscheidet über die nächste Beförderungsrunde? Nach welchen Kriterien? In welchem Zeitfenster? Wenn du das nicht weißt, rätst du - und Raten erzeugt Angst.

Es ist völlig legitim, diese Fragen direkt zu stellen: der eigenen Führungskraft, der Personalabteilung, oder Kolleginnen, die den Weg bereits gegangen sind. 'Was müsste ich zeigen, damit ich für die nächste Stufe infrage komme?' ist eine Frage, die dich professionell wirken lässt, nicht unsicher.

Wenn du auf diese Frage vage Antworten bekommst - 'du musst einfach mehr Führungsqualität zeigen' - ist das selbst eine wichtige Information. Es bedeutet entweder, dass die Kriterien wirklich unklar sind (ein strukturelles Problem, das nicht an dir liegt), oder dass dein Gegenüber sie nicht offenlegen will. Beides ist wert, notiert zu werden, bevor du deine nächsten Schritte planst.

Konkrete Kriterien zu kennen bedeutet auch, gezielt daran arbeiten zu können, statt pauschal 'mehr Selbstbewusstsein' zu trainieren. Wenn zum Beispiel Budgetverantwortung ein Kriterium ist, kannst du gezielt danach fragen, ob du sie in einem kleineren Rahmen übernehmen kannst, bevor die große Rolle ansteht.

  • Kenne ich die tatsächlichen Kriterien für die nächste Rolle, die mich interessiert?
  • Wen könnte ich diese Woche konkret danach fragen?

Klein anfangen: erste Schritte, die tragen

Ein Wechsel muss nicht groß beginnen. Die Vorstellung, man müsse direkt in eine komplette neue Rolle springen, macht den ersten Schritt unnötig schwer und unnötig riskant.

Ein Gespräch mit jemandem, der die Rolle bereits ausfüllt, kostet wenig und liefert oft mehr ehrliche Information als jede Stellenbeschreibung. Eine Hospitation - also für einen Tag oder eine Woche in einem Team oder bei einer Führungskraft mitzulaufen - zeigt dir, wie sich die Rolle im Alltag anfühlt, jenseits der offiziellen Beschreibung.

Eine klar umrissene Teilverantwortung ist oft der belastbarste erste Schritt: die Leitung eines einzelnen Projekts, die fachliche Führung eines kleinen Teams für ein Quartal, die Vertretung der eigenen Führungskraft im Urlaub. Diese Formate sind reversibel, testbar und geben dir echte Erfahrung, auf die du dich später berufen kannst.

Wichtig ist, diese ersten Schritte sichtbar zu machen - nicht aus Eitelkeit, sondern weil Entscheidungsträger:innen sie sonst schlicht nicht mitbekommen. Ein kurzer Satz im Teammeeting oder eine Zeile im nächsten Feedbackgespräch reicht oft schon.

Mit Rückschlägen umgehen, ohne sie überzuinterpretieren

Wenn eine Bewerbung oder eine interne Beförderung nicht klappt, ist der erste Impuls oft, sofort eine umfassende Erklärung zu suchen: Lag es an mir? An der Statistik? An Politik im Unternehmen? Die ehrliche Antwort ist meistens: eine Mischung, die sich im Nachhinein selten vollständig entwirren lässt.

Was hilfreicher ist als die vollständige Erklärung: eine konkrete Nachfrage. 'Was hat bei der Entscheidung den Ausschlag gegeben, und was könnte ich beim nächsten Mal anders zeigen?' Diese Frage lässt sich auch nach einer Absage stellen, ohne bedürftig zu wirken - sie zeigt Interesse an der eigenen Weiterentwicklung.

Ein einzelner Rückschlag ist ein Datenpunkt, kein Urteil über deine gesamte Laufbahn. Es lohnt sich, ihn zu dokumentieren - was war die Rückmeldung, was war der Kontext - und ihn dann bewusst beiseitezulegen, statt ihn wochenlang zu wälzen.

  • Welche konkrete Rückmeldung habe ich bekommen, jenseits meiner eigenen Interpretation?
  • Was würde sich ändern, wenn ich diesen Rückschlag als einen von mehreren Datenpunkten behandle statt als Urteil?

Sichtbarkeit ohne Selbstverleugnung

Ein häufiger Rat an Frauen auf dem Weg in Führung lautet, 'einfach lauter' zu sein oder sich Verhaltensweisen anzueignen, die in der jeweiligen Unternehmenskultur als 'führungsstark' gelten. Das kann kurzfristig funktionieren, fühlt sich aber oft falsch an - und auf Dauer ist es anstrengend, eine Rolle zu spielen, statt zu führen.

Es lohnt sich, stattdessen zu fragen: Welche meiner tatsächlichen Stärken sind in dieser Organisation sichtbar, und welche nicht? Manchmal ist die Lösung nicht, sich zu verändern, sondern die eigenen Beiträge aktiver zu benennen - etwa im Meeting kurz zusammenzufassen, welchen Anteil man an einem Ergebnis hatte, statt darauf zu hoffen, dass es jemand anderes bemerkt.

Sichtbarkeit bedeutet auch, sich Verbündete zu suchen, die einen in Räumen erwähnen, in denen man selbst nicht ist - bei Beförderungsgesprächen, in Strategiemeetings. Das ist keine Manipulation, sondern eine ganz normale Form von Netzwerken, die in vielen Organisationen informell schon für andere funktioniert.

Wenn die Organisation selbst das Problem ist

Manchmal ist die ehrlichste Antwort: Diese Organisation befördert Frauen strukturell seltener, und das wird sich in absehbarer Zeit nicht ändern. Das lässt sich prüfen, indem du dir die tatsächliche Zusammensetzung der Führungsebenen über die letzten Jahre ansiehst, statt nur auf Absichtserklärungen zu hören.

Wenn du zu diesem Schluss kommst, ist ein Wechsel des Arbeitgebers keine Niederlage, sondern eine rationale Reaktion auf verfügbare Informationen. Es ist ein Unterschied, ob du an dir selbst zweifelst oder ob du eine begründete Einschätzung über ein Unternehmen triffst.

Bevor du gehst, kann es sich trotzdem lohnen, das Problem einmal offen anzusprechen - bei der eigenen Führungskraft, im Betriebsrat, in einer Mitarbeiterbefragung. Nicht, weil das garantiert etwas verändert, sondern weil du dir damit die Möglichkeit offenhältst, im Nachhinein zu wissen, dass du es versucht hast.

  • Was zeigt die tatsächliche Zusammensetzung der Führungsebene über die letzten Jahre, nicht nur die aktuellen Absichtserklärungen?
  • Was würde sich für mich ändern, wenn ich diesen Punkt einmal offen anspreche?

Mentoring und Vorbilder richtig nutzen

Vorbilder zu haben hilft, aber nur, wenn du dir bewusst machst, dass ihr Weg nicht automatisch dein Weg ist. Eine Frau, die es in eine bestimmte Rolle geschafft hat, hat das oft unter Bedingungen getan, die sich von deinen unterscheiden - anderes Unternehmen, andere Lebensphase, anderer Chef.

Nützlicher als 'wie hast du das gemacht' ist oft die Frage 'was würdest du an meiner Stelle als Erstes klären'. Das holt aus dem Gespräch konkrete, übertragbare Hinweise heraus statt einer Erzählung, die sich schwer kopieren lässt.

Mentoring funktioniert am besten, wenn beide Seiten wissen, was sie voneinander wollen: regelmäßige Gespräche mit klarer Frequenz, konkrete Themen statt allgemeiner Standortbestimmungen, und die Bereitschaft der mentorierten Person, auch unbequeme Rückmeldungen anzunehmen.

Ein kleiner nächster Schritt

Du musst heute keine Entscheidung über deine gesamte Karriere treffen. Ein realistischer nächster Schritt ist, in dieser Woche eine einzige Frage an eine konkrete Person zu stellen: nach den Kriterien für die nächste Rolle, nach der Erfahrung einer Kollegin in einer ähnlichen Position, oder nach einer kleinen, klar umrissenen Verantwortung, die du übernehmen könntest.

Notiere dir die Antwort, egal wie sie ausfällt. Sie ist ein Datenpunkt mehr, mit dem du arbeiten kannst - verlässlicher als jede allgemeine Statistik und ehrlicher als jede Selbstzweifel-Spirale.

  • Wen frage ich diese Woche, und was genau frage ich?

Quellen

  1. Frauen in Führungspositionen im EU-VergleichStatistisches Bundesamt (Destatis) · 2025
  2. Gender Pay Gap 2023: Frauen verdienten 18 % weniger als MännerStatistisches Bundesamt (Destatis) · 2024

Über die Autorin

Veronika Höller · Head of Demand Generation bei Tresorit · Autorin, Speakerin und Mentorin

Veronika Höller ist Head of Demand Generation bei Tresorit, Autorin, Speakerin und leidenschaftliche Mentorin. Seit über 18 Jahren arbeitet sie im digitalen Marketing und verbindet strategisches Denken mit praktischer Erfahrung in PPC, SEO und Demand Generation.

Im Mentoring steht für sie der Mensch im Mittelpunkt. Sie unterstützt Menschen dabei, ihre Stärken zu erkennen, neue Perspektiven zu entwickeln und ihren eigenen Weg zu gehen - unabhängig von Jobtitel oder bisherigem Werdegang. Dabei geht es nicht darum, fertige Antworten zu liefern, sondern gemeinsam Lösungen zu finden, Selbstvertrauen aufzubauen und ins Handeln zu kommen.