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11 Min. Lesezeit

Hochstapler-Gefühle einordnen, ohne sich zu etikettieren

Das sogenannte Impostor-Phänomen ist keine Diagnose. Ein Blick auf die Forschung - und auf das, was im Arbeitsalltag wirklich hilft.

Von Veronika Höller

Head of Demand Generation bei Tresorit · Autorin, Speakerin und Mentorin

Redaktionell geprüft: 2026-09-18

Eine Person blickt nachdenklich aus einem Fenster

Das Gefühl, gleich aufzufliegen

Viele Menschen kennen das Gefühl, in einer Rolle zu sitzen, die eigentlich zu groß für sie ist - und dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis andere das merken. Es taucht oft gerade dann auf, wenn objektiv etwas gut läuft: nach einer Beförderung, einem gelungenen Projekt, positiver Rückmeldung.

Das Gefühl fühlt sich sehr persönlich und sehr wahr an, gerade weil es leise und ohne konkreten Anlass kommt. Genau das macht es schwer zu greifen: Es gibt selten einen einzelnen Moment, an dem man sagen könnte, hier hat es angefangen.

Wichtig ist zunächst: Dieses Gefühl zu haben bedeutet nicht, dass etwas mit dir nicht stimmt. Es bedeutet auch nicht automatisch etwas über deine tatsächliche Kompetenz. Es ist ein verbreitetes Erleben, das in ganz unterschiedlichen Berufen, Erfahrungsstufen und Lebenssituationen auftaucht.

  • In welchen Situationen taucht dieses Gefühl bei mir besonders stark auf?
  • Ist es an bestimmte Menschen, Orte oder Aufgaben gebunden, oder eher allgegenwärtig?

Was die Forschung sagt und was nicht

Eine systematische Übersichtsarbeit über 62 Studien mit mehr als 14.000 Teilnehmenden (Bravata et al., 2019) fand Häufigkeitsangaben zwischen 9 und 82 Prozent - je nachdem, welches Messinstrument und welcher Schwellenwert verwendet wurde. Solche Spannen bedeuten: Es gibt kein einheitliches, verlässliches Maß dafür, wer „es hat“ und wer nicht.

Es handelt sich ausdrücklich nicht um eine klinische Diagnose. Es gibt keine offiziellen diagnostischen Kriterien, und die Übersichtsarbeit fand keine Studien zu spezifischen Behandlungen für dieses Phänomen.

Das heißt auch: Niemand kann dir mit Sicherheit sagen, ob du „Impostor-Syndrom hast“ oder nicht - der Begriff beschreibt ein Muster von Gedanken und Gefühlen, kein feststehendes Krankheitsbild. Diese Unsicherheit in der Forschung selbst ist ein Grund, vorsichtig mit Selbstetikettierung umzugehen.

Was die Forschung nahelegt, ist eher ein loser Zusammenhang mit Faktoren wie Perfektionismus, familiären Erwartungen oder dem Gefühl, in einem Umfeld „anders“ zu sein als die Mehrheit. Das sind Hinweise, keine festen Ursachen, und sie gelten nicht für jede Person gleichermaßen.

  • Habe ich dieses Gefühl schon einmal vorschnell als feste Eigenschaft von mir abgespeichert?
  • Was würde sich ändern, wenn ich es als vorübergehendes Muster statt als Persönlichkeitszug betrachte?

Wie sich das im Arbeitsalltag zeigt

Typisch ist, Erfolge auf äußere Umstände zurückzuführen - Glück, Zeitpunkt, Hilfe anderer - während Schwierigkeiten sofort als Beweis der eigenen Unzulänglichkeit gelesen werden. Diese Asymmetrie in der Bewertung ist oft auffälliger als das Gefühl selbst.

Ein weiteres Muster ist Überarbeitung als Kompensation: mehr Stunden, mehr Kontrolle, mehr Vorbereitung als eigentlich nötig, um die vermeintliche Lücke auszugleichen. Kurzfristig funktioniert das oft, langfristig verstärkt es aber häufig genau das ungute Gefühl, weil der Erfolg dann wieder der Anstrengung und nicht der eigenen Fähigkeit zugeschrieben wird.

Manche Menschen ziehen sich stattdessen zurück: Sie melden sich seltener zu Wort, bewerben sich nicht auf Rollen, für die sie eigentlich qualifiziert wären, oder lehnen Sichtbarkeit ab. Beide Reaktionen - Übererfüllung und Rückzug - sind verständliche Versuche, mit dem Gefühl umzugehen, auch wenn sie selten langfristig helfen.

Von der Bewertung zurück zur Beobachtung

Statt zu fragen „Bin ich gut genug?“ hilft oft die konkretere Frage: Was ist die Aufgabe, was kann ich davon belegen, und was fehlt mir wirklich noch? Diese Verschiebung von einer globalen Bewertung zu einer konkreten Beobachtung macht das Thema handhabbarer.

Notiere Belege, bevor der Zweifel kommt: abgeschlossene Aufgaben, Rückmeldungen, Entscheidungen, die du getroffen hast. Gedächtnis ist bei Selbstzweifeln kein zuverlässiger Zeuge - in Momenten der Unsicherheit erinnern wir uns selektiv an Fehler und vergessen das, was gut lief.

Eine einfache Praxis: ein kurzes Dokument oder eine Notiz-App, in der du wöchentlich ein bis zwei Sätze festhältst, was du erledigt oder entschieden hast. Das klingt banal, wirkt aber genau deshalb, weil es dem selektiven Gedächtnis eine nüchterne Gegeninstanz entgegensetzt.

Wenn eine konkrete Rückmeldung kommt - positiv oder kritisch - notiere sie möglichst wörtlich, statt sie sofort zu interpretieren. Interpretation ist der Schritt, in dem Selbstzweifel sich am leichtesten einschleicht.

  • Welche drei Dinge habe ich in den letzten Monaten geliefert?
  • Welche Rückmeldung habe ich bekommen - wörtlich, nicht interpretiert?
  • Was wäre der kleinste Schritt, der mir gerade etwas Sicherheit gibt?

Ein Gespräch darüber führen, ohne sich zu entblößen

Es kann helfen, das Gefühl gegenüber einer vertrauenswürdigen Person anzusprechen, ohne es zu dramatisieren: „Ich merke, dass ich meine eigenen Erfolge oft kleinrede. Kannst du mir eine ehrliche Einschätzung geben, wie du meine Arbeit siehst?“ Das ist konkret genug, um eine brauchbare Antwort zu bekommen, ohne die ganze Unsicherheit auszubreiten.

In einem Feedbackgespräch mit einer Führungskraft kann eine ähnliche Formulierung helfen: „Ich würde gerne wissen, woran du meine Leistung in diesem Bereich festmachst, damit ich das für mich klarer einordnen kann.“ Das verschiebt das Gespräch von einer diffusen Suche nach Bestätigung zu einer konkreten Nachfrage.

Wenn du merkst, dass du in Gruppen ständig vergleichst, kann es helfen, das offen zu benennen, statt es zu verstecken - viele andere kennen ein ähnliches Gefühl, sprechen aber ebenso selten offen darüber.

Was nicht hilft

Reine Selbstbestätigungssätze ohne konkreten Bezug zur eigenen Arbeit („Ich bin genug“) wirken bei vielen Menschen kaum, weil sie an nichts Greifbarem anknüpfen. Der Verstand vergleicht sie schnell mit dem eigenen Zweifel und verwirft sie.

Auch der Versuch, das Gefühl durch noch mehr Leistung endgültig zu widerlegen, funktioniert selten - es verschiebt sich meist nur die Messlatte. Nach dem nächsten Erfolg taucht oft derselbe Zweifel in neuer Form wieder auf.

Und Vergleiche mit anderen Personen, deren Innenleben du nicht kennst, sind selten hilfreich. Du siehst bei anderen meist nur das Ergebnis, nicht deren eigene Unsicherheiten dahinter.

Wann etwas anderes dran ist

Selbstzweifel treten häufig zusammen mit Erschöpfung, Angst oder depressiven Beschwerden auf. Diese Überschneidung ist wichtig: Manchmal ist das, was wie „Impostor-Gefühl“ aussieht, eigentlich ein Zeichen von Überlastung oder eines belasteten psychischen Zustands, der eigene Aufmerksamkeit verdient.

Wenn das Gefühl anhält, sich verstärkt oder mit Schlafproblemen, anhaltender Erschöpfung oder Rückzug aus dem sozialen Leben einhergeht, ist professionelle Unterstützung der passende Weg - nicht mehr Selbstoptimierung oder noch mehr Reflexion allein.

Dieser Text ist nicht diagnostisch gemeint und ersetzt keine psychologische oder medizinische Einschätzung. Wenn du unsicher bist, ob dein Erleben „normal“ oder ernster ist, ist eine Fachperson die richtige Ansprechperson - nicht ein Selbsttest im Internet.

Ein kleiner nächster Schritt

Ein realistischer erster Schritt: Schreibe heute drei konkrete Dinge auf, die du in den letzten vier Wochen erledigt oder entschieden hast - ohne Bewertung, nur als Liste. Das ist kein Beweis deines Werts, aber ein nüchterner Gegenpol zum selektiven Gedächtnis des Zweifels.

Quellen

  1. Prevalence, Predictors, and Treatment of Impostor Syndrome: a Systematic ReviewBravata et al., Journal of General Internal Medicine · 2019

Über die Autorin

Veronika Höller · Head of Demand Generation bei Tresorit · Autorin, Speakerin und Mentorin

Veronika Höller ist Head of Demand Generation bei Tresorit, Autorin, Speakerin und leidenschaftliche Mentorin. Seit über 18 Jahren arbeitet sie im digitalen Marketing und verbindet strategisches Denken mit praktischer Erfahrung in PPC, SEO und Demand Generation.

Im Mentoring steht für sie der Mensch im Mittelpunkt. Sie unterstützt Menschen dabei, ihre Stärken zu erkennen, neue Perspektiven zu entwickeln und ihren eigenen Weg zu gehen - unabhängig von Jobtitel oder bisherigem Werdegang. Dabei geht es nicht darum, fertige Antworten zu liefern, sondern gemeinsam Lösungen zu finden, Selbstvertrauen aufzubauen und ins Handeln zu kommen.