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Eine schwierige Arbeitssituation sachlich festhalten
Warum Gerichte konkrete Daten, Orte und Beteiligte verlangen - und wie du Beobachtung, Wirkung und Deutung trennst, ohne dein Erleben kleinzureden.
Von Veronika Höller
Head of Demand Generation bei Tresorit · Autorin, Speakerin und Mentorin
Redaktionell geprüft: 2026-09-18

Du bist damit nicht allein
Eine repräsentative Befragung von 5.015 Beschäftigten im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums kam 2024 auf einen Anteil von 6,5 Prozent, die Mobbing durch Kolleginnen, Kollegen oder Vorgesetzte erlebten. Das ist keine Randerscheinung, auch wenn es sich im eigenen Team oft sehr einsam anfühlt.
Diese Zahl sagt nichts darüber aus, wie deine Situation zu bewerten ist. Sie sagt nur: Es ist nachvollziehbar, dass du sie ernst nimmst, und du bist nicht die einzige Person, der so etwas widerfährt.
Viele Betroffene zögern lange, bevor sie überhaupt anfangen, etwas aufzuschreiben. Das hat oft mit der Sorge zu tun, überempfindlich zu wirken, oder mit der leisen Hoffnung, es werde von allein besser. Beides ist menschlich - und beides führt dazu, dass wichtige frühe Details verloren gehen.
Wenn du diesen Text liest, hast du wahrscheinlich schon gemerkt, dass ein Gefühl allein nicht reicht, um gehört zu werden. Das ist frustrierend, aber es ist kein Urteil über dich oder dein Erleben - es ist einfach, wie Verfahren und Gespräche in Unternehmen und vor Gericht funktionieren.
Wie sich so eine Situation im Alltag anfühlt
Oft beginnt es schleichend: eine abfällige Bemerkung hier, ein übergangenes Wort im Meeting dort. Einzeln betrachtet wirkt jedes Vorkommnis klein, fast zu klein, um es anzusprechen. Erst in der Summe entsteht das Gefühl, dass etwas systematisch gegen einen läuft.
Dazu kommt häufig ein innerer Kampf zwischen Selbstzweifel und Wut: War das jetzt wirklich so gemeint? Übertreibe ich? Reagiere ich über? Dieser Zweifel ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine ganz normale Reaktion auf eine Situation, in der die andere Seite die Deutungshoheit für sich beansprucht.
Viele berichten von Schlafproblemen, Grübeln am Wochenende oder dem Gefühl, montags schon am Sonntagabend angespannt zu sein. Der Körper reagiert oft früher und deutlicher als der Kopf bereit ist zuzugeben, wie ernst die Lage ist.
Gleichzeitig funktioniert der Arbeitsalltag meist weiter - Aufgaben werden erledigt, Termine eingehalten. Das kann später sogar gegen einen verwendet werden, im Sinne von „so schlimm kann es ja nicht gewesen sein“. Genau deshalb ist es wichtig, das eigene Erleben unabhängig von der äußeren Funktionsfähigkeit ernst zu nehmen.
Gerichte lesen keine Stimmungen, sie lesen Vorfälle
In arbeitsgerichtlichen Verfahren liegt die Darlegungs- und Beweislast bei den Beschäftigten. Ein allgemeiner Verweis auf ein Tagebuch reicht nicht; verlangt werden einzelne, datierte Vorfälle mit Ort, Beteiligten und konkretem Ablauf.
Das Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz hat 2015 einem nachträglich geschriebenen Tagebuch mit lückenhaften und widersprüchlichen Einträgen nur geringen Beweiswert zugesprochen. Zeitnah und konkret zu notieren ist deshalb kein Misstrauen, sondern Vorsorge.
Das bedeutet in der Praxis: Eine Formulierung wie „Chef war heute wieder unmöglich zu mir“ nützt später wenig. Hilfreicher ist: „Um 9:14 Uhr sagte Herr M. im Beisein von Frau K. und Herrn T. im Teammeeting sinngemäß, meine Zuarbeit sei ‚wie immer wertlos‘. Anschließend wurde meine Präsentation ohne weitere Rückfrage aus der Agenda genommen.“
Diese Detailtiefe wirkt am Anfang ungewohnt, fast bürokratisch für etwas, das sich zutiefst persönlich anfühlt. Genau das ist aber der Punkt: Die Dokumentation dient nicht dazu, dein Gefühl zu erklären, sondern dazu, einer außenstehenden Person - einer Richterin, einem Personalrat, einer Anwältin - nachvollziehbar zu machen, was tatsächlich geschehen ist.
Beobachtung, Wirkung und Deutung sauber trennen
Die meisten Notizen scheitern nicht an fehlendem Fleiß, sondern daran, dass drei verschiedene Dinge vermischt werden: das, was objektiv beobachtbar war, das, was es mit dir gemacht hat, und das, was du darüber denkst oder vermutest. Alle drei sind wichtig - aber sie gehören in getrennte Spalten.
Beobachtung ist das, was eine Kamera aufgezeichnet hätte: Worte, Handlungen, Zeitpunkte, anwesende Personen. Wirkung ist, was es bei dir ausgelöst hat: Du konntest danach nicht mehr klar denken, hast die Pause ausfallen lassen, warst den Rest des Tages angespannt. Deutung ist deine Interpretation: „Das war Absicht“, „Das sollte mich bloßstellen“, „Das macht er nur bei mir“.
Ein einfaches Format hilft dabei, diese drei Ebenen zu trennen: Datum und Uhrzeit, Ort, anwesende Personen, wörtliche oder sinngemäße Aussage, unmittelbare Reaktion und Wirkung, und separat markiert deine Einschätzung. Wer diese Struktur konsequent nutzt, merkt oft selbst, wie viel klarer das Bild wird.
Diese Trennung schützt dich übrigens auch selbst: Sie hilft, im Nachhinein zu erkennen, welche Vorfälle wirklich schwer wiegen und welche eher Ausdruck eines schlechten Tages waren. Nicht jede Unfreundlichkeit ist Mobbing, und diese Unterscheidung nimmst du dir mit einer sauberen Dokumentation selbst ab, statt sie im Bauchgefühl zu belassen.
- Was ist konkret passiert - Datum, Ort, Beteiligte?
- Was wurde wörtlich gesagt oder getan?
- Welche Auswirkung hatte es auf deine Arbeit oder dein Befinden?
- Was ist deine Deutung, klar als Deutung markiert?
Wie so eine Notiz konkret aussehen kann
Ein Beispiel für einen vollständigen Eintrag: „12.03., 14:20 Uhr, Büro 3. Etage, anwesend: ich, Frau S., Herr B. Herr B. sagte vor Frau S.: ‚Das hätte ich einer Praktikantin nicht zugetraut, aber bei Ihnen wundert mich nichts mehr.‘ Danach zog er meine Unterlagen zurück, ohne sie durchzusehen. Ich war den Rest des Nachmittags nicht mehr konzentrationsfähig, habe zwei E-Mails erst am nächsten Tag beantwortet. Einschätzung (Deutung): Ich empfinde das als gezielte Herabsetzung vor Publikum, keine sachliche Kritik.“
Wichtig ist auch, was rundherum passiert: Wurden andere in vergleichbaren Situationen anders behandelt? Gab es E-Mails, Chatnachrichten oder Kalendereinladungen, die den Vorfall stützen? Solche Randdokumente sind oft mehr wert als eine ausführliche Beschreibung deines Gefühls.
Notiere auch das, was im ersten Moment unwichtig erscheint: Wer war noch im Raum, aber hat nichts gesagt? Wurde die Situation später in einer anderen Runde erwähnt, vielleicht sogar heruntergespielt? Solche Randnotizen ergeben später oft ein Muster, das im Einzelfall nicht sichtbar war.
Halte auch positive oder neutrale Ereignisse fest, wenn sie im Kontrast zum belastenden Verhalten stehen - etwa wenn eine andere Führungskraft dieselbe Arbeit sachlich und respektvoll kommentiert hat. Der Kontrast macht sichtbar, dass es nicht an der Sache lag.
Was du besser vermeidest
Vermeide es, Notizen erst Wochen später aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren. Je größer der zeitliche Abstand, desto mehr vermischen sich Fakten und Gefühl, und desto leichter lassen sich Widersprüche finden, die die Glaubwürdigkeit insgesamt schwächen.
Vermeide pauschale Formulierungen wie „er mobbt mich seit Monaten“ als alleinigen Eintrag. Ohne konkrete Einzelvorfälle bleibt so ein Satz eine Behauptung, die schwer zu stützen ist - auch wenn sie sich für dich absolut richtig anfühlt.
Vermeide es außerdem, Kolleginnen oder Kollegen ungefragt als Zeugen zu benennen, bevor du mit ihnen gesprochen hast. Das kann Vertrauen zerstören und sie in eine Position bringen, die sie nicht gewählt haben. Frage vorher, ob und wie sie bereit wären, etwas zu bestätigen.
Und vermeide, deine Notizen in Systemen zu führen, auf die dein Arbeitgeber Zugriff hat - dazu gleich mehr im Abschnitt über Sicherheit. Ein gut gemeintes internes Word-Dokument auf dem Firmenlaptop kann im Ernstfall genau das Gegenteil dessen bewirken, was du beabsichtigt hast.
Schütze deine Notizen
Bewahre persönliche Aufzeichnungen nicht auf einem Arbeitsgerät oder in Systemen deines Arbeitgebers auf. Nutze stattdessen ein privates Notizbuch, einen privaten Cloud-Speicher oder ein Dokument auf deinem eigenen Rechner, das du zusätzlich sichern kannst.
Entscheide bewusst, wem du deine Notizen zeigst, und zu welchem Zeitpunkt. Eine frühzeitige, unüberlegte Weitergabe an die falsche Person kann mehr schaden als nützen - etwa wenn Informationen zurück an die Person gelangen, über die du schreibst.
Erwäge, wichtige Etappen zusätzlich extern zu sichern, etwa indem du dir selbst eine E-Mail mit Zeitstempel schickst oder ein datiertes Dokument bei einer Vertrauensperson hinterlegst. Das schafft eine zusätzliche, schwer anfechtbare Zeitmarke.
Dieser Text ist eine Vorbereitungshilfe, keine Rechtsberatung. Wenn Fristen, Sicherheit oder mögliche Diskriminierung im Spiel sind, hole rechtliche Beratung vor Ort ein - etwa bei einer Fachanwältin für Arbeitsrecht oder einer anerkannten Beratungsstelle.
- Wo genau lagern meine bisherigen Notizen, und wer hat theoretisch Zugriff darauf?
- Wem würde ich meine Aufzeichnungen zuerst zeigen - und warum genau dieser Person?
- Gibt es Fristen, über die ich mir noch nicht sicher bin?
Was realistisch zu erwarten ist
Eine gute Dokumentation macht deine Situation nachvollziehbar - sie garantiert aber keinen bestimmten Ausgang, weder im Betrieb noch vor Gericht. Das ist enttäuschend zu hören, aber ehrlicher, als falsche Sicherheit zu versprechen.
Was du realistisch erwarten kannst: mehr Klarheit für dich selbst, eine belastbarere Gesprächsgrundlage mit Personalabteilung, Betriebsrat oder Anwältin, und eine Grundlage, auf der andere überhaupt erst prüfen können, was als Nächstes sinnvoll ist.
Manche Situationen lösen sich schon durch ein sachliches, gut vorbereitetes Gespräch, andere brauchen einen längeren, formalen Weg. Beides ist möglich, und beides ist kein Maßstab dafür, wie „schlimm“ deine Situation objektiv war.
Gib dir selbst die Erlaubnis, den Prozess als das zu sehen, was er ist: mühsam, manchmal ernüchternd, aber ein aktiver Schritt, den du für dich selbst unternimmst - unabhängig davon, wie die Sache am Ende ausgeht.
Ein kleiner nächster Schritt
Du musst nicht heute alles aufschreiben, was in den letzten Monaten passiert ist. Beginne stattdessen mit einem einzigen, aktuellen Vorfall, den du nach dem oben beschriebenen Muster festhältst: Datum, Ort, Beteiligte, wörtliche Aussage, Wirkung, und separat deine Deutung.
Speichere diesen einen Eintrag an einem Ort, der dir gehört - nicht auf dem Arbeitsgerät. Das ist der einzige Schritt, den du heute brauchst, alles Weitere kann folgen, wenn du bereit dazu bist.
Quellen
- Repräsentative Studie zum Thema Mobbing in der ArbeitsweltBMAS / Universität Leipzig / TU Dresden · 2024
- LAG Rheinland-Pfalz, Urteil vom 30.11.2015 (3 Sa 371/15)JuraForum · 2015
- Mobbing: Beweisprobleme im arbeitsgerichtlichen VerfahrenHaufe · 2025
Über die Autorin
Veronika Höller · Head of Demand Generation bei Tresorit · Autorin, Speakerin und Mentorin
Veronika Höller ist Head of Demand Generation bei Tresorit, Autorin, Speakerin und leidenschaftliche Mentorin. Seit über 18 Jahren arbeitet sie im digitalen Marketing und verbindet strategisches Denken mit praktischer Erfahrung in PPC, SEO und Demand Generation.
Im Mentoring steht für sie der Mensch im Mittelpunkt. Sie unterstützt Menschen dabei, ihre Stärken zu erkennen, neue Perspektiven zu entwickeln und ihren eigenen Weg zu gehen - unabhängig von Jobtitel oder bisherigem Werdegang. Dabei geht es nicht darum, fertige Antworten zu liefern, sondern gemeinsam Lösungen zu finden, Selbstvertrauen aufzubauen und ins Handeln zu kommen.